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Verletzlichkeit und wahrhaftige Stärke

Viele Menschen halten sich für unantastbar. Sie glauben, der Natur überlegen zu sein und leugnen zuweilen ihre ganz normalen menschlichen Seiten. Turbulente Zeiten, in denen das gewohnte Leben aus den Fugen gerät, rütteln manche von ihnen wach. Selbst die abgebrühtesten Menschen bekommen dann ein Gespür für ihre Verletzbarkeit. Sie erkennen, dass ihre Schein-Sicherheit bedenklich schnell durch Krisenzustände ins Wanken gerät. Und für manche ergibt sich die Chance auf einen Neuanfang, indem sie sich mit ihren Verletzungen auseinandersetzen und sich auf die Suche nach „echter“, innerer Sicherheit begeben.


Jeder Mensch, der Menschen/Tieren oder sich selbst schadet, Menschen für den Ausdruck ihrer Sensibilität belächelt und sogar angreift, ist mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann im Leben sehr stark verletzt worden. Unter der Fassade eines Grobians kann man schlimme und traumatische Erlebnisse vermuten. Um dem Schmerz dieser Verletzungen aus dem Weg zu gehen, gibt es ganz verschiedene Möglichkeiten.


Da gibt es z.B. Menschen, die niemals wieder irgendjemanden an sich heranlassen. Der verursachte Schmerz ist so übermächtig, dass sie jeden von sich weisen oder angreifen, der auch nur in die (emotionale) Nähe desjenigen kommt. Oft werden die eigenen Verletzungen auch legitimiert, indem man die Position von der Person einnimmt, die einen irgendwann stark verletzt hat. Jemand, der sagt: „Ich habe es verdient, dass mein Vater mich geschlagen hat, denn ich war frech.“ hält den Schmerz der Verletzungen fern von sich, indem er sich mit dem Angreifer (in diesem Fall dem Vater) identifiziert. Das erzeugt ein Machtgefühl und lenkt von den tatsächlich vorhandenen Verletzungs- und Ohnmachtsgefühlen ab. Statt die eigenen Verletzungen zu betrauern und dadurch angreifbar zu sein, erfolgt also eine Abschottung dieser Gefühle und eine Etablierung eines (überlebensnotwendigen, aber keinesfalls gesunden) Machtgefühls. Im ungünstigsten Fall wird "Verletzung" für Liebe gehalten, nämlich dann, wenn man sich als Kind ausschließlich dann gesehen und geliebt fühlt, wenn man durch Bezugspersonen verletzt wird (und Verletzungen das einzige sind, was die Bezugspersonen emotional übertragen können).


Dieser Mechanismus hält viele Menschen funktionsfähig, sorgt aber auch dafür, dass sie möglicherweise ihre eigenen Kinder schlecht behandeln. Vielleicht fangen sie sogar an, Schwächere (Menschen oder Tiere) zu quälen, um das Machtgefühl aufrechtzuerhalten und dem ursprünglichen Gefühl der Verletzung aus dem Weg zu gehen. Ein Machtgefühl, dass darauf begründet ist, anderen Lebewesen zu schaden, hat natürlich in keinem Fall etwas mit gesunder Selbstwirksamkeit zu tun, sondern ist der Ausdruck seelischer Qualen und ein verzweifelter Versuch, sich über Wasser zu halten.


Fakt ist jedenfalls, dass viele Menschen mehr oder weniger stark in diesem Teufelskreis gefangen sind. Die Einsichtigkeit für das eigene Fehlverhalten ist meist sehr gering, denn (wie Menschen so sind) umgibt man sich häufig mit Leuten, die ähnlich „ticken“ und gleiches Verhalten aufzeigen. Es stellt ohnehin die einzige Alternative zum psychischen Zusammenbruch dar und wird daher so lange wie möglich aufrechterhalten. Da das Verhalten auf unbewussten Mechanismen gründet, ist es schwierig, es bewusst wahzunehmen oder zu reflektieren. Im Übrigen ist es, gesellschaftlich und wirtschaftlich gesehen, nicht gerade im Trend, Verletzungen zu kommunizieren und Verbundenheitsgefühle zu stärken.


Oft verursacht erst eine massive und erschütternde Krise, dass die jahrelang etablierte Fassade langsam ins Bröckeln gerät und verborgene Verletzungen ans Tageslicht kommen. Manche ergreifen die Chance und begeben sich auf den Weg zu ihren inneren Wunden. Es benötigt viel Stabilisierung, Geduld und Unterstützung, um Mitgefühl mit sich selbst zu entwickeln. Denn Heilung geschieht dann, wenn die eigenen Verletzungen endlich betrauert werden können.


Die Fassade langsam abzulegen, ist bestimmt eines der schwersten aber zugleich auch heilsamsten Dinge, die im Leben eines Menschen möglich sind. Erst, wenn man das Gefühl hat, sich in halbwegs sicheren Gefilden zu bewegen (z.B. durch positive Erfahrungen mit Menschen oder das Erlernen von Regulationsstrategien) kann dieser Prozess in die Gänge kommen und letztlich erfolgreich sein.


Der Gewinn davon, sich den eigenen Verletzungen zu stellen, die Fassade langsam abzulegen, und sich der eigenen Verletzbarkeit bewusst zu sein ist, tiefe Verbundenheit und langfristig wahrhaftige innere Sicherheit zu spüren. Die Gewissheit, sich anderen anvertrauen und Hilfe erwarten zu können, ist wohl eines der schönsten und wärmendsten Gefühle, die es gibt. Dieses Gefühl ist die Grundlage für Verbundenheit mit sich, anderen und der Welt.




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